Mit der Bezirkspolitik durch Himmel und Hölle in Schöneberg

Die Sonne brannte auf unsere Häupter, als wir uns am 23.06.2026 mit vier PolitikerInnen zu einem Hintergrundgespräch trafen, Astrid Bialluch-Liu (Bündnis 90/Die Grünen), Ralf Kühne (Bündnis 90/Die Grünen), Johannes Franck (Die Linke) und Philine Busch (Die Linke). Das Thema: Die Hauptstraße und der Innsbrucker Platz, zwei Orte, die sich einander gegenüberstehen wie Himmel und Hölle. Es war unser Anliegen, anhand dieser Beispiele die Positionen der Anwesenden zu erfragen. Denn sollten sie gewählt werden, werden diese Menschen in Entscheidungspositionen sein, um diese Realitäten zu verändern. Leider hat Moritz Riesinger (SPD) kurzfristig wegen Krankheit abgesagt. Von der CDU haben wir auch nach dreimaligem Nachhaken keine Zusage erhalten.

Wie Jens Steckel in einem kurzen Vortrag darstellt: Gute Fahrradinfrastruktur bedeutet unter anderem, einen breiten, geschützten Radfahrstreifen, klare Sichtbeziehungen und eine hinreichende Länge zu gewährleisten. Wir ernten mit dieser Analyse viel Zuspruch von den Politiker*Innen, die sich klar für getrennte Radwege und den Ausbau eines sicheren Fahrradnetzes aussprechen, so wie es im Mobilitätsgesetz und Radverkehrsplan auch vorgesehen ist.

Astrid Bialluch-Liu betont: „Wenn wir in der Regierung sind und eine Mehrheit haben, dann würden wir die Entkernung des Mobilitätsgesetzes, sollte sie stattfinden, garantiert rückgängig machen.“

Doch nicht nur die Hauptverkehrsstraßen, die in der Verantwortlichkeit des Senates liegen, sind wichtig. Auch die Nebenstraßen sind entscheidend für ein sicheres und umfassendes Radnetz. Hier sind besonders Fahrradstraßen wertvoll, da sie dem Radverkehr Vorrang geben und Unfallrisiken durch eine Verhinderung von motorisiertem Durchgangsverkehr vermindern. Und diese liegen in der Verantwortung der Bezirke!

Auch hier stoßen wir von Seiten der Politiker*Innen auf breite Zustimmung, wobei Ralf Kühne betont, dass bauliche Maßnahmen für die Umsetzung von Fahrradstraßen einer Durchsetzung durch Kontrollen vorzuziehen seien. Leider werden diese Maßnahmen, wie etwa Poller zur Verkehrstrennung, immer wieder beschädigt oder gestohlen.

„Fahrradstraßen stehen und fallen mit der Akzeptanz“ sagt Johannes Franck. Dafür sei eine Mitarbeit mit den Anwohner*Innen unabdinglich. Denn nur wenn alle zusammenarbeiten, würden die Maßnahmen gelingen.

Für uns begann nun der langsame Abstieg in die Hölle entlang der Hauptstraße Richtung Südwesten. Schon auf dem Weg wurde klar, wo starker Verbesserungsbedarf besteht. Bei der Kreuzung Hauptstraße – Martin-Luther-Straße hört ein Radweg einfach auf und muss stattdessen einer weiteren Fahrbahn weichen. Fahrradfahrer*Innen sind gezwungen, sich in den Kfz-Verkehr einzuordnen oder auf dem Gehweg zu fahren. Es ist klar: Die Maxime der Planung ist die Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs, d.h. ein möglichst große Anzahl an Kfz soll in möglichst kurzer Zeit dort durchfahren können. Das darf man auch mal hinterfragen, ob Städte, in denen ja sehr viele Menschen leben wollen und müssen, tatsächlich die Durchfahrt von Kfz in maximalem Ausmaß ermöglichen sollten? Wir meinen: Nein!

Das Bild zeigt das Ende des Radstreifens an der Kreuzung Hauptstraße/Martin-Luther-Straße

Der Innsbrucker Platz ist auf der anderen Straßenseite schon mit zwei Autowracks dekoriert, Folgen eines Unfalls am Morgen des 23sten. Die Spuren des Unfalls am Tag zuvor wurden bereits beseitigt. Es ist unmittelbar einsichtig, wie dieser Platz höllische Zustände für Radfahrende und zu Fuß Gehende schafft. Aber wie wir sehen, haben es auch Autofahrende nicht leicht: der Innsbrucker Platz ist seit vielen Jahren ein Berliner Hotspot für Verkehrsunfälle.

Die Radfahrstreifen seien nur mit Farben markiert und es gebe keine hinreichende gesonderte Schaltung der Ampeln für Radler*Innen, erklärt Jens Steckel. Und diese Markierungen sind nicht einmal durchgehend. Nicht zuletzt ist auch die Zuführung eine Katastrophe. Wir haben das Gespräch bei einem durch eingesetzte, verschiedenfarbige Bordsteine markiertem Radweg geführt, der mit einer Breite von ca. 1 mVerkehr in zwei Richtungen fassen soll. Seine Grünphase beträgt 5 Sekunden. Eine mögliche Lösung? Den Knoten zu einem Kreisverkehr umbauen und/oder die Radwege durch physische Barrieren von den Fahrbahnen trennen. Doch dem Versprechen der Senatsverwaltung, sich besonders diesen Knoten zu widmen, wurde nicht nachgekommen.

Wir fragen: Könnten wir nicht international nach Beispielen und Unterstützung für die Planung suchen? Auf diese Frage kommen nur zögerliche Antworten. „Wenn man ausschreibt, können sie sich ja bewerben. Das wäre toll,“ sagt Philine Busch. Aber es sei eben nicht so einfach, diese Firmen heranzuholen. Und man müsse ja auch schauen, welche guten regionalen Firmen es gebe, wendet Johannes Franck ein.

Doch die wichtigste Frage kommt natürlich zum Schluss. Was gedenken denn die Politiker*Innen und deren Parteien in Zukunft für den Radverkehr zu tun? „Es geht um den Ausbau von Radwegen, um zu gucken, dass diese Wege sicherer und für alle nutzbarer sind,“ sagt Astrid Bialluch-Liu und setzt fort: „Das für das ganze Netz bis 2030 umzusetzen wird schwierig“ Sie verspricht aber: „Und das wäre uns dann ein Anliegen, dass wir da das Netz dann praktisch weiter ausrollen und nicht Stückwerk machen. Lückenschlüsse wie Alt-Tempelhof zum Beispiel, von der Schöneberger Straße aus.“

„Neben den ganzen beschriebenen Projekten, die ja jetzt heute auch schon zu Tage kamen, braucht es auch eine gute Ausbildung auch von Stadtplaner*Innen,“ sagt Johannes Franck. Und wir müssten klar machen, dass eine gute Radfahr- und Fußgänger*Inneninfrastruktur auch Menschen, die auf das Auto angewiesen seien, helfen würde.

Die Hauptstraße und der Innsbrucker Platz, zwei gegenteilige Welten, so nah sie einander auf der Karte doch sind. Mit dieser Realität konfrontiert, lässt sich die Relevanz guter Fahrradinfrastruktur nicht verleugnen, wie wir anhand der Antworten auf unsere Fragen gesehen haben. Alle Politiker*Innen haben sich für dieses Ziel ausgesprochen. Und wir hoffen, dass sie sich auch in Zukunft an uns wenden und sich auf unser Fachwissen berufen werden. Denn die eigentliche Aufgabe steht noch bevor: Das, worüber wir uns in diesem Hintergrundgespräch unterhalten haben, in die Tat umzusetzen!